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Michael Filesecker

NetGeneration: entmystifiziert

Rolf Schulmeister legt eine ausführliche und kritische Auseinandersetzung mit dem Schlagwort der "NetGeneration" vor (s. hier). Mit fast 100 Seiten sprengt es die üblichen Standards von Zeitschriftenartikeln, aber wir haben ja das Internet, und so wird sich dieser "Artikel" sicher schnell und einfach verbreiten. Wie immer pointiert und mit reichhaltigen Detaillkenntnissen untermauert entwirft Schulmeister eine Gegenposition zu der einfachen These einer "neuen" Generation, die durch die Computernutzung essentiell geprägt sei. Rolf Schulmeister diskutiert diese "landläufige" These einer "Netzgeneration":
  • "Das Thema der Fähigkeiten und Kompetenzen scheint mir nicht der entscheidende Diskussionsstrang zu sein, sondern der Gesichtspunkt, dass auch bei den heutigen Jugendlichen dieselben sozialisatorischen Aktivitäten, Interessen und Werte im Vordergrund stehen und dass die neuen Medien und ihre Abundanz le- diglich in die eigene Lebenswelt inkorporiert werden, nicht aber die Einstellungen, Sehnsüchte und Wünsche prägen."

Mich beschäftigt diese Diskussion noch auf einer anderen Ebene: Wie kommt es, dass bestimmte Thesen, die für Insider als kaum belegt eingeschätzt werden, in der Öffentlichkeit als "empirische" Evidenz gelten? Man kann schon an der Relevanz empirischer Forschung (ver-) zweifeln: Wenn Einzelne immer wieder die gleichen Thesen vorbringen, mit netten Anekdoten unterfüttern, das Ganze dramaturgisch geschickt und lesbar präsentieren, werden Aussagen zusehends als "valide" wahrgenommen. Könnte es sein, dass die These der "neuen" Generation - mangels Empirie - mehr über den Autor aussagt, über sein Diskrepanz- oder "Entfremdungs"erleben zwischen eigenen Erfahrungen (bzw. der Erinnerung an Kindheitserlebnisse) und seiner Wahrnehmung des Alltags von jungen Menschen, das in der Konstruktion einer "neuen Generation" mündet?

Hallo Herr Kerres! Danke

Hallo Herr Kerres! Danke für den Hinweis! Erstaunlich finde ich nach der Lektüre, dass Herr Schulmeister sich um den Begriff der "digitalen Teilung zweiter Ordnung" drückt, der sich m. E. bei seinen Ausführungen aufdrängt, aber irgendwie nicht fallen will. Ob er ein Systemtheorie-Hasser ist? Zumindest wäre er damit nicht allein.

Wie es kommt, dass bestimmte Thesen, die für Insider als kaum belegt eingeschätzt werden, in der Öffentlichkeit als "empirische" Evidenz gelten? Zur Funktionsweise des wissenschaftlichen Systems erklärte einmal mein alter Chef an der Uni-Essen - im Büro, nicht im Hörsaal: Wenn Du wissenschaftlich erfolgreich sein willst, mache einfach so lange in eine Ecke, bis es riecht. In diesem Sinne ist die Net-Generation wohl "ruchbar" geworden. Sie kitzelt in der Nase. Hier zeigt sich, dass sich Wissenschaft in manchen Bereichen von ihrer empirischen Grundlage emanzipiert hat. Und wenn Theorie und Empirie nicht übereinstimmen (müssen), gilt: schlecht für die Empirie! Auch hier verweise ich auf die Systemtheorie.

Blickt man einmal auf die Aussagen vieler "Web 2.0 Macher", die m. E. in gewisser Hinsicht auch als "Insider" zu betrachten sind, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Die gefeierten neuen Möglichkeiten des Web 2.0 hat es immer schon gegeben, das Gerede darüber ist überflüssig, don't believe the hype! Auch hier ließe sich fragen: Könnte es sein, dass die These der "neuen" Web-Generation 2.0 mehr über den Autor aussagt, als über das Vorhandensein einer neuen Haltung zu Medien bzw. neuer interaktiver Möglichkeiten?

Beste Grüße

Lars Gräßer

Bild von Michael Kerres

Danke für Ihren Hinweis.

Danke für Ihren Hinweis.

>Die gefeierten neuen Möglichkeiten des Web 2.0 hat es immer schon gegeben,
>das Gerede darüber ist überflüssig, don't believe the hype! Auch hier ließe sich fragen:
>Könnte es sein, dass die These der "neuen" Web-Generation 2.0 mehr über den Autor aussagt,
>als über das Vorhandensein einer neuen Haltung zu Medien bzw. neuer interaktiver Möglichkeiten?

Ich geben zu: ein bedenkswerter Aspekt. Allerdings habe ich immer darauf verwiesen, dass Web 2.0 ein Konstrukt ist, dass eine veränderte Wahrnehmung und Nutzung des Internet beschreibt, und keine technische Innovation.

Michael Kerres, Uni Duisburg-Essen

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